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CD-review: Kagel, Quirinius' Liebeskuss

02.06.2008

By Stefan Drees, February 12th, 2007, on Klassik.com

English summary of the text below:
“The performance by the musicians of the Dutch Schönberg Ensemble and the singers of the Nederlands Kamerkoor under Reinbert de Leeuw’s baton is impressively precise, descriptively clear and shows subtlety in the shading of the sound colours, making ‘Quirinus’ Liebeskuss’ the most exciting of aural experiences. [...] The sound quality of the CD is excellent, and it is accompanied by a very good booklet containing commentary from the composer.“


‘Alles wechselt’ – dieses Motto prangt groß auf der Kartonhülle jener CD, mit der das Label Winter&Winter eine Reihe mit hochwertigen Produktionen der Musik Mauricio Kagels fortsetzt. Die Auswahl der drei eingespielten Werke ist nicht ohne Reiz und sehr gut überlegt – er weist sich doch das Prinzip des Alternierens als gemeinsame Konstante: In der Mitte ist die übermütige ‘Serenade’  für drei Spieler (1994/95) platziert, flankiert von den beiden jüngeren, zur gleichen Zeitentstandenen Kompositionen ‘Quirinus’ Liebeskuss’ für Vokalensemble und Instrumente (2000/01) sowie ‘Doppelsextett’ für Instrumentalensemble (2000/01).
Dass Kagel auch dann sein Metier beherrscht, wenn er ruhigere Töne anschlägt, kann man hier haut nah erleben. Allerdings geht es dabei auch ein wenig betulicher zu als früher, denn die jüngeren Kompositionen haben nicht mehr denselben Biss wie die Arbeiten aus den Sechziger- und Siebziger jahren. Das mag man bedauern, doch lassen sich durchaus andere Qualitäten finden.
Da ist etwa der subtile Humor in der ‘Serenade’, einem ‘poetischen Divertimento’, in dem Kagel sich aufmacht, den titelgebenden Begriff, seinen Konnotationen und seinen möglichen Bedeutungen mit assoziativ aufgeladenen Klängen auf die Spurzukommen: Die Flöte ergeht sich in lieblichen Melodiefetzen, die Gitarre stimmt den fröhlichen Wechselbass einer Liedbegleitung an, im Schlagzeug klingen Tanzrhythmen, die Mandoline legt sich mit wehmütigen Tremoli ins Zeug, Vogelpfeifen simulieren die Atmosphäre bürgerlicher Gartengemütlichkeit – doch dies ist ganz bewusst außerhalb des rechten Rahmens in ständigem Wechsel der Fragmente zusammenmontiert, um dem Hörer das scheinbar Bekannte im neuen Licht zu zeigen. Allerdings gerät es auch ein wenig zu lang, so dass die Relevanz des Komponierens mit Bruchstücken ein wenig zu verpuffen scheint.
Ganz anders wirkt dagegen ‘Quirinus’ Liebeskuss’, eine mehrfache Vertonung des skurrilen Gedichts ‘Der LXI. Liebeskuss. Der Wechsel der menschlichen Sachen’ des Barockdichters Quirinus Kuhlmann (1651-1689), das – nur aus einsilbigen Wörtern bestehend – den Komponisten zu einer dramaturgisch geschickten Vertonung angeregt hat. In der auf Textverständlichkeit bedachten Ausarbeitung vertraut Kagel ganz auf die deklamatorischen Qualitäten der Sprache, lässt den Chor im rhythmischen Unisono sprechen und nur gegen das Ende zu auch singen, während die Instrumente – oft alternierend zu den Stimmen eingesetzt – die Sprache gleichsam zu kommentieren scheinen.
Diese Struktur des Wechselwirkens zwischen verschiedenen Gruppen spielt auch in dem instrumentalen ‘Doppelsextett’ eine Rolle, in dem bis weilen musikalische Anklänge an den ‘Liebeskuss’ greifbar sind. Der Komponist verstärkt den Eindruck des Gegeneinanders dadurch, dass er zwar die hohen und tiefen Register der verwendeten Blas- und Streichinstrumente einsetzt, die vermittelnden Klangfarben aber ausspart und so dem gruppenweisen Alternieren der beiden Sextette auch starke klangliche Kontraste einschreibt.
Zu dem zeichnet sich das Werk – bei Kagel eher eine Seltenheit – durch eine organisch aus dem Anfang entwickelte formale Gestaltung aus, die ihm den Anschein musikalischer Strenge verleiht.

Die Umsetzung durch die Musiker des niederländischen Schönberg Ensembles und die Sänger des Nederlands Kamerkoor unter der Stabführung von Reinbert de Leeuw ist bestechend präzise, klar in der Darstellung und subtil in den Abschattierungen der Klangfarben, wobei auch hier ‘Quirinus’ Liebeskuss’ das spannendste Hörerlebnis bietet. In editorischer Hinsicht knüpft diese CD an die anderen übrigen Veröffentlichungen aus der Kagel-Reihe von Winter&Winter an: Eine exzellente Klangqualität des Tonträgers und ein sehr gutes Booklet mit Kommentaren des Komponisten sind da selbstverständlich.

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